Ernährung in der Prävention von demenziellen Erkrankungen

Ernährung und Demenzprävention: Wie gesundes Essverhalten die Gehirngesundheit fördert

Das Auftreten Demenz ist nicht ausschließlich Schicksal: Ein relevanter Teil der Risikofaktoren lässt sich im Laufe des Lebens beeinflussen. Genau hier setzt LETHE-AT an, als österreichisches Projekt zur personalisierten, digital unterstützten Demenzprävention, bei dem Ernährung ein wichtiger Baustein neben Bewegung, Schlaf, Stress, sozialer Teilhabe und kardiovaskulärem Risikofaktorenmanagement ist.

Im Rahmen von LETHE-AT haben Irene Wallisch, MSc, und Dr.in Birgit Dieminger-Schnürch vom Zentrum Ernährung & Prävention der AGES (Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit) den aktuellen Wissenstand zu Ernährung und Demenzprävention zusammengefasst. Ganz im Sinne des „One Health“-Ansatzes der AGES zeigt sich dabei deutlich: Was gut für die menschliche Gesundheit ist, schützt oft auch die Umwelt.

Laut der aktuellen Lancet-Kommission gelten rund 45 % der Demenzfälle weltweit als potenziell modifizierbar. Neben Risikofaktoren wie Bewegungsmangel, Rauchen und sozialer Isolation zählen inzwischen auch unbehandelte Sehbeeinträchtigung und erhöhtes LDL-Cholesterin dazu. Ernährung spielt dabei vor allem über Stoffwechsel- und Gefäßgesundheit eine zentrale Rolle.

Die ernährungsassoziierten Risikofaktoren im Detail

  • LDL-Cholesterin: Ein erhöhter Low-Density-Lipoprotein-Cholesterin-Spiegel (LDL-C) im mittleren Lebensalter ist mit einem erhöhten späteren Demenzrisiko assoziiert. Besonders relevant ist das Zusammenspiel aus erhöhtem LDL-C, ungünstigem Gesamtcholesterinprofil und vaskulären Risikofaktoren.
  • Diabetes mellitus: Bei dieser Erkrankung erhöhen vor allem ein früher Krankheitsbeginn, eine lange Krankheitsdauer und eine schlechte Blutzuckereinstellung das Risiko. Die genauen Mechanismen sind vielschichtig: vaskuläre Schäden, ein erhöhtes Schlaganfallrisiko, Entzündungsprozesse und Veränderungen im Gehirnstoffwechsel spielen eine Rolle. Neben einer mediterranen Ernährungsweise ist eine Gewichtsreduktion (auch über die Ernährung) hier der wichtigste therapeutische Hebel.
  • Hypertonie (Bluthochdruck): Erhöhter Blutdruck im mittleren Lebensalter zählt zu den modifizierbaren Risikofaktoren für spätere kognitive Beeinträchtigung und Demenz. Als Basistherapie dient eine Lebensstiländerung, bei der die Speisesalzzufuhr unter 5 g pro Tag gehalten werden sollte. Konzepte wie die DASH-Diät zeigen hier klare Vorteile.
  • Adipositas: Adipositas im mittleren Lebensalter ist mit einem erhöhten Demenzrisiko verbunden, insbesondere über metabolische und vaskuläre Mechanismen. Im höheren Alter sind ein größerer Taillenumfang und eine erhöhte Waist-to-Hip-Ratio mit einem höheren Risiko für kognitive Beeinträchtigungen und Demenz verbunden. . Bereits ein geringer Gewichtsverlust durch eine Lebensstiländerung kann kognitive Verbesserungen bewirken.
  • Alkoholkonsum: Hoher Alkoholkonsum schädigt das Gehirn direkt und erhöht das Risiko für kognitive Beeinträchtigung und Demenz. Zwar deuteten ältere Daten bei leichtem bis moderatem Konsum auf ein geringeres Risiko hin, die WHO formuliert aber inzwischen, dass sich kein gesundheitlich sicherer Alkoholkonsum ableiten lässt.
  • Depression: Depression ist mit einem erhöhten Risiko für Demenz assoziiert; die Zusammenhänge sind jedoch bidirektional und können sowohl Ursache, Begleitfaktor als auch frühes Symptom kognitiver Veränderungen sein. Eine leitliniengerechte Behandlung ist wichtig und kann über bessere Aktivität, Schlaf, soziale Teilhabe und Stoffwechselgesundheit indirekt zur Demenzprävention beitragen.

Schutzschilde für das Gehirn: Die besten Ernährungsmuster

Da metabolische und lebensstilbezogene Risikofaktoren häufig gemeinsam auftreten und sich gegenseitig verstärken, ist der Blick auf einzelne Nährstoffe nur begrenzt hilfreich. Entscheidend sind langfristige Ernährungsmuster.

Mediterrane Ernährung: Sie liefert die stärkste und konsistenteste Evidenz. Sie wird mit einem um 11 % bis 30 % geringeren Risiko für kognitive Beeinträchtigungen, Demenz und Alzheimer-Erkrankungen in Verbindung gebracht.

  • MIND-Diät (Mediterranean‑DASH Intervention for Neurodegenerative Delay): Diese gezielte Kombination aus mediterraner Ernährung und dem DASH (Dietary Approaches to Stop Hypertension) Ansatz steht in Studien mit einem um etwa 17 % geringeren Demenzrisiko in Zusammenhang. Gleichzeitig deuten Forschungsergebnisse darauf hin, dass sie den altersbedingten Abbau der kognitiven Leistungsfähigkeit verlangsamen kann.
  • DASH & anti-entzündliche Ernährung: DASH-orientierte und entzündungshemmende Ernährungsmuster sind besonders relevant für Personen mit Bluthochdruck, Diabetes mellitus oder anderen vaskulären Risikofaktoren, da sie Gefäßgesundheit und Stoffwechsel günstig beeinflussen können.

Gemeinsam ist diesen Ernährungsmustern ein hoher Anteil an pflanzlichen, ballaststoffreichen und möglichst wenig verarbeiteten Lebensmitteln, ergänzt durch hochwertige Fette, Nüsse, Hülsenfrüchte und Fisch. Die Effekte zeigen sich besonders deutlich bei älteren Erwachsenen, Personen mit vaskulären Risikofaktoren oder Patientinnen und Patienten, die bereits an einer leichten kognitiven Beeinträchtigung (MCI) leiden. Als primäre neuroprotektive Akteure gelten Omega-3-Fettsäuren, einfach ungesättigte Fettsäuren (MUFA), Ballaststoffe, Polyphenole sowie Folat und die Vitamine E und K.

Die im Jahr 2024 aktualisierten Österreichischen Ernährungsempfehlungen spiegeln genau diese Muster wider: Eine gesunde und nachhaltige Kost sollte zu rund 3/4 aus pflanzlichen und zu 1/4 aus tierischen Lebensmitteln bestehen.

Lebensmittel im Evidenz-Check

Wie schneiden einzelne Lebensmittelgruppen in den aktuellen epidemiologischen Studien und klinischen Metaanalysen ab? Die AGES-Präsentation liefert hierzu ein klares Bild:

Lebensmittelgruppe Wissenschaftliche Erkenntnisse und Effekte
Kaffee & Tee Der moderate Konsum von koffeinhaltigem Kaffee (2 bis 3 Tassen) oder Tee (1 bis 2 Tassen pro Tag) ist mit einem geringeren Demenzrisiko assoziiert. Entkoffeinierter Kaffee zeigt hingegen keinerlei positive Effekte.
Obst & Gemüse Ein hoher Verzehr stabilisiert die psychische Gesundheit und senkt stressbedingte sowie depressive Symptome. Als besonders wirksam erweisen sich Beeren, Zitrusfrüchte und grünes Blattgemüse. Die darin enthaltenen Polyphenole wirken antioxidativ und entzündungshemmend. Zudem mindert eine pflanzenbasierte Kost das Risiko für vaskuläre Demenz.
Getreide & Erdäpfel Vollkornprodukte sind die Basis schützender Ernährungsmuster Ein hoher Vollkornkonsum wird mit einem um etwa 25 bis 35 % geringeren Risiko für Demenz und Alzheimer-Demenz in Verbindung gebracht. Im Gegensatz dazu zeigen Studien, dass ein hoher Konsum stark verarbeiteter Lebensmittel mit einem erhöhten Demenzrisiko in Verbindung gebracht wird. Zu Erdäpfeln (Kartoffeln) liegen aktuell keine isolierten wissenschaftlichen Daten vor.
Öle, Fette, Nüsse & Samen Olivenöl liefert essenzielle einfach ungesättigte Fettsäuren und Polyphenole (wie Oleocanthal). Es wird diskutiert ob diese Stoffe den Prozess von Amyloid-Ablagerungen im Gehirn positiv beeinflussen können. Nüsse punkten mit ungesättigten Fettsäuren und Mikronährstoffen. Für die pflanzliche Omega-3-Fettsäure (ALA) gibt es zwar Hinweise auf einen Nutzen, die Evidenz ist aber noch nicht eindeutig.
Hülsenfrüchte Ein hülsenfrüchtereiches Ernährungsmuster verlangsamt den kognitiven Abbau im Alter messbar. Pflanzenproteine und mehrfach ungesättigte Fettsäuren (PUFAs) gelten hierbei als unabhängige Prädiktoren für bessere kognitive Testergebnisse.
Fisch Fisch ist der wichtigste Lieferant für marine Omega-3-Fettsäuren, welche die neuronale Funktion fördern. Ein regelmäßiger Konsum (positive Trends ab ca. 50 g pro Tag) senkt das Risiko für kognitiven Abbau sowie die kardiovaskuläre Sterblichkeit.
Eier Der Verzehr von etwa einem Ei pro Tag (ca. 50–60 g) korreliert mit einem geringeren Risiko für kognitiven Verfall. Die vermuteten Mechanismen basieren auf den enthaltenen Phospholipiden, Cholin und DHA. Die Studienlage ist mehrheitlich positiv, erfordert aber noch weitere hochwertige Absicherung.
Milch & Milchprodukte Die Ergebnisse sind uneinheitlich. Während fermentierte oder angereicherte Produkte in klinischen Studien kognitive Vorteile zeigten und eine Menge von ca. 150 g pro Tag das günstigste Risikoprofil aufweist, sind zuckerreiche Milchdesserts und extrem fettreiche Produkte ungünstig. Interessanterweise gibt es regionale Unterschiede: In Asien zeigt sich ein schützender Effekt, in Europa ist statistisch kein Effekt erkennbar.
Fleisch & Geflügel Während für rotes Fleisch insgesamt kein klarer statistischer Zusammenhang mit kognitiver Beeinträchtigung vorliegt, weisen verarbeitete Fleischprodukte (Wurst, Schinken etc.) ein erhöhtes Risiko auf. Jede zusätzlichen 50 g verarbeitetes Fleisch pro Tag steigern das Risiko weiter. Geflügel wirkt sich risikosenkend aus.
Fettes, Süßes und Salziges Für hochverarbeitete, zucker-, fett- und salzreiche Produkte sowie Lebensmittel mit vielen Zusatzstoffen ist die Evidenz eindeutig. Jede zusätzliche Portion dieser Lebensmittel, erhöht das Alzheimer Risiko weiter (vor allem im mittleren Lebensalter). Wenn der Anteil hoch-verarbeiteter LM um nur 10 % steigt, nimmt das Risiko für Gesamtdemenz um etwa 25 %, für Alzheimer um 14 % und für vaskuläre Demenz um 28 % zu. Als Hauptursache gilt die Schädigung der Darm-Mikrobiota, die über die Darm-Hirn-Achse neurodegenerative Prozesse befeuert.

Das Fazit: Gut für das Gehirn, gut für das Klima

Die wissenschaftliche Datenlage macht unmissverständlich klar: Unsere tägliche Ernährung beeinflusst unser Gehirn direkt. Wer vermehrt auf pflanzenbasierte, ballaststoffreiche und naturbelassene Lebensmittel setzt, schützt seine Gefäße und Nervenzellen effektiv vor dem geistigen Verfall. Das Schöne an diesem wissenschaftlich fundierten Speiseplan ist seine universelle Nachhaltigkeit: Er hält im Sinne des „One Health“- Gedankens nicht nur das körpereigene Denkorgan fit, sondern schont gleichzeitig die Ressourcen unseres Planeten.

Autor:innen: LETHE-AT Konsortium